Als Digitaler Nomade auf dem Jakobsweg – ein Erfahrungsbericht!

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img_20140610_124535Zum Autor des Gastartikels: Theodor Berghausen ist als Produkt- und Marketingmanager im Tourismus stets reisefreudig, aber in letzter Zeit recht sesshaft geworden. Aus seiner Wahlheimat Barcelona hat er mit CODINO eine Community für Digitale Nomaden aufgebaut. In Meet-ups, Mastermind Gruppen, Workshops, Coworking-Events und „Workations“ organisiert, kannst du dich treffen, vernetzen und zum produktiven Arbeiten an inspirierenden Orten zusammenfinden.

Worum geht’s auf dem Jakobsweg?

Der sagenumwobene Jakobsweg war schon vor 1000 Jahren gut besucht, als Pilgern generell mega-in war. Neben Rom und Jerusalem, gehörte Santiago de Compostela zu den top-three der Sehnsuchtsziele zu jener Zeit. Hattest du es bis Santiago geschafft, konntest du ganz nah an den Gebeinen vom Heiligen Jakobus sein, die in der Kathedrale aufgebahrt sind. So kamst du als “guter Christ” dem Himmel ein Stück näher.

Nachdem es ruhiger um den mittelalterlichen Hype wurde, setzte vor 10 Jahren erneut ein Pilgerboom ein. Dieser wurde bei den deutschsprachigen Pilgern mit Hape Kerkelings Bestseller “Ich bin dann mal weg” eingeleitet. Der Jakobsweg, der im englischen und spanischen “El Camino de Santiago” oder nur “El Camino“ genannt wird, ist heute beliebter denn je zuvor. Und das bei Leuten aus aller Welt und allen Altersgruppen.

Wenn du denkst, dass es in der heutigen Zeit auf dem Camino angestaubt katholisch zugeht, kannst du aufatmen. Nur wenige Mitpilger sind primär aus religiös-christlichen Motiven unterwegs. Befürchtungen, dass du auf dem Weg ständig aufgefordert wirst in die Messe zu gehen, ringsherum alle vor dem Essen beten, Bibelverse zitieren und einen missionieren wollen, können ausgeräumt werden. Im Gegenteil – statt asketisch geht es auf dem Jakobsweg sogar ausgesprochen lebenslustig zu.

Der besondere Reiz des Jakobsweg ist die Kombination aus sehr abwechslungsreichen Landschaften und Dörfern, durch den wenig touristischen Norden Spaniens. Dazu viel Kultur, reichlich Bewegung, gutes Essen und nicht zuletzt das Gemeinschaftserlebnis mit den Mitpilgern.

Wenn der Camino heute nicht mehr sehr religiös rüberkommt, so schwingt für viele Pilger dennoch eine sehr spirituelle Aura auf dem Weg mit. Die langen Tagesmärsche über mehrere Wochen bei Wind und Wetter, der ultimative Minimalismus auf einen leichten Rucksack reduziert, viel Zeit für sich und gleichzeitig die Verbundenheit mit den Anderen auf dem Weg, die neuen Routinen des Tagesablaufs – all das sind Faktoren, dass selbst der nüchternste Pilger dann doch seine ein oder andere transzendentale Erfahrung macht.

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Wo geht der Jakobsweg lang? Wie lange läuftst du?

Es gibt nicht den “einen” Jakobsweg, mit festen Startpunkt, den du von vorn bis hinten abläufst. Viele Wanderwege, die heute mit dem charakteristischen Symbol der Jakobsmuschel markiert sind, führen nach Santiago de Compostela, das in Galicien im äußersten Nordwesten Spaniens liegt.

Die klassische Route des Wegs, den etwa 90% aller Pilger erwandern, ist der “Camino Francés”. Dieser führt von der französischen Seite der Pyrenäen über 800 km gen Westen quer durch das Landesinnere Nordspaniens. Läufst du alle Etappen ab, so bist du in gut einem Monat am Ziel angelangt. Vorausgesetzt du schaffst täglich gut 25 Kilometer. Du kannst den Weg eigentlich anfangen, wo du willst. Du musst auch gar nicht in Santiago ankommen. Letztendlich gibt es keinerlei Regeln, wie du richtig zu pilgern hast. So kannst du  gar einen Bus nehmen, wenn du nicht mehr laufen willst. Selbst wenn „richtige Pilger“ etwas anderes behaupten wollen.

Es gibt ein gutes Dutzend weiterer Jakobswege durch Spanien. Alle führen nach Santiago und werden als Alternativroute immer beliebter. So z.B. der anspruchsvollere Camino del Norte entlang der Spanischen Atlantikküste oder auch der Camino Portugués, der Porto mit Santiago verbindet.

Um die “Compostela”, die offizielle Pilgerurkunde zu erhalten, musst du die letzten 100 Kilometer bis Santiago gelaufen sein, und dies mit seinem Pilgerausweis nachweisen, der sich mit jeder Tagesetappe mit Stempeln füllt. Der Ausweis ist leicht zu bekommen – es gibt verschiedene Wege an ihn zu gelangen. Am einfachsten ist es den Ausweis in der Pfarrei oder einer Herberge am Ort, wo du den Weg antrittst, für 1,50 € direkt zu erwerben

Wer pilgert auf dem Jakobsweg und warum?

Aus welchen Gründen machst du dich auf den Weg heutzutage? Und welche Art von Mitpilgern triffst du auf dem Jakobsweg? Über Jahrhunderte waren es vor allem religiöse Motive, die einem zu dieser langen, beschwerlichen und damals auch gefährlichen Reise bewegt haben.  Die Hauptmotivation, warum sich heute so viele auf einen bis zu einmonatigen Trek machen, hat sich verschoben.

Für manche steht der sportliche Aspekt im Vordergrund, für andere das soziale Miteinander mit anderen Leuten. Für viele steht dann aber doch die “Suche nach etwas oder sich selbst” im Vordergrund. Sei es auf dem Sinn des Lebens, sich und die eigenen Grenzen besser kennenzulernen und vieles zu hinterfragen. Einige stehen gar vor einem besonderen Wendepunkt im Leben, andere haben nach dem Weg angefangen ihr Leben radikal umzustellen.

Es gibt  nicht den typischen Pilger – eigentlich sind alle Altersgruppen von 15 bis 80 vertreten. Je nach Monat gibt es dennoch Unterschiede – in den Ferienmonaten sieht man viele Jugendliche, die mitunter in größeren Gruppen wandern. Außerhalb der Hochsaison sind viele rüstige Rentner unterwegs. Die haben ja auch die Zeit, einen kompletten Monat durchzupilgern.

Natürlich kommt der Großteil der Pilger aus Spanien selbst. Sie machen gut die Hälfte aus. Ansonsten verteilen sich die Herkunftsländer gleichmäßig. Dabei triffst du statistisch am ehesten auf Mitpilger aus Italien, Deutschland, den USA oder Frankreich. Generell gilt, dass je näher du an Santiago kommst, desto mehr Betrieb herrscht auf dem Camino. Du triffst immer mehr auf Jugendgruppen und Kurzzeitpilger, die noch frisch auf den Beinen sind.

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Alle Altersgruppen und Nationalitäten finden sich auf dem Camino zusammen

Wie sieht der typische Tagesablauf aus?

Der Camino ist ideal für Frühaufsteher, und all jene, die das nicht sind, werden hier zu solchen gemacht.

Sollte man in einer Gemeinschaftsunterkunft schlafen – um 6 Uhr morgens geht das Licht im Bettensaal an. Du wirst sowieso durch das Tütenrascheln und allgemeiner Unruhe geweckt, die oft schon noch früher einsetzt. Check-Out in den öffentlichen und kirchlichen Herbergen ist meistens um 8 Uhr, meist kannst du weitaus länger verweilen – ideal um eine morgendliche Runde am Rechner in der verlassenen Herberge einzulegen. Ab 7 Uhr wird es  wieder bedeutend ruhiger in der Herberge. Die meisten sind schon auf dem Weg und steuern nahegelegene Frühstücksbars an, die sich dann zu gut gelaunten Pilgertreffpunkten füllen.

Die meisten Pilger, egal ob jung, alt, topfit oder weniger sportlich, pendeln sich auf Tagesetappen von 20 bis 30 Kilometern ein. Diese schaffst du in gut 5 bis 7 Stunden Laufzeit. Du läufst in der Regel morgens nach dem Sonnenaufgang los. Vor allem um vor der großen Mittagshitze das Ziel zu erreichen. Außerdem sind viele Mitpilger vom Zweifel geplagt, kein freies Bett mehr zu bekommen, wenn sie zu spät ankommen.

Auf dem Weg sind alle Konstellationen und Begegnungen möglich. Manche genießen es alleine nach eigenem Laufrhythmus zu pilgern. Andere schließen sich Mitpilgern an, und einige lernen sich beim Überholvorgang beim Small-Talk oder zu tiefgründigen Gesprächen auf dem Weg kennen.

Die öffentlichen und kirchlichen Herbergen öffnen ab 13 Uhr. Schon vorher bildet sich eine wachsende Schlange von Eintreffenden. Wieder ein idealer Moment um sich miteinander ausgelassen zu sozialisieren. Nach wenigen Tagen kennst du viele Gesichter und einige Geschichten, die sich mit ihnen verbinden. Je länger die Reise geht, desto mehr Gemeinschaftsgefühl baut sich mit den altbekannten Mitpilgern auf.

Viele Herbergen schließen ihre Pforten um 22 Uhr – was nicht heißt, dass du zur sofortigen Bettruhe gezwungen bist. Der Eingang zur Herberge ist eben verschlossen und das Licht im Schlafsaal wird ausgemacht, so dass sich spätestens gegen 23 Uhr alle im Tiefschlaf befinden. Wer gut über Herbergsmauern klettern und springen kann, kann gerne den Abend in der Dorfkneipe verbringen.

Ist der Weg gut beschildert?

Du folgst dem gelben Pfeil um nach Santiago zu gelangen. Hört sich einfach an, ist es meistens auch. Sobald der Camino eine Biegung macht, findet man das Symbol. Sei es als Graffiti an Hauswänden, auf den Asphalt gemalt, als Meilenstein am Wegesrand, als Verkehrszeichen oder als Schild, das am Baum baumelt. Eigentlich kannst du die knallgelbe Markierung nicht übersehen. Wenn du dich beim Pilgern der Tagträumerei hingibst, oder dich in eine angeregte Unterhaltung verstrickst, kann es aber dennoch sein, dass du den entscheidenden Richtungswechsel nicht beachtest. So läuftst du nichtsahnend weiter geradeaus.

Solltest du nicht von einem pfiffigen Dorfbewohner auf den rechten Weg zurückgerufen werden, wirst du dann irgendwann merken, dass die vertrauten Wegmarkierungen ausbleiben und du dich verlaufen hast. Nun hilft nur noch der Orientierungssinn, Leute auf der Straße Fragen oder das GPS am Smartphone, um wieder auf den rechten Pfad zu gelangen. Das ganze ist mit Humor zu nehmen – auch wenn die geplante Tagesetappe nicht mehr zu schaffen ist. Besonders lustig ist es, wenn du dann hinter dir weitere Pilger geschart hast, die einem wie Lemminge hinterhergelaufen sind.

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Wo kann ich übernachten?

Auf den frequentierten Hauptrouten des Jakobswegs ist heutzutage das Netz an Unterkünften so dicht, dass du spätestens nach zwanzig Kilometern immer auf eine Herberge triffst. Entlang des Camino Francés ist fast in jedem kleinen Weiler eine Übernachtungsmöglichkeit vorhanden. Vom kostenfreien Matratzenlager im Gemeindehaus bis zum 5-Sterne-Parador, die Auswahl ist riesig.

In Zeiten von Online-Hotelbuchungsportalen lassen sich die privat geführten Herbergen problemlos voraus buchen. Die Planung nimmt dann aber andererseits viel von der Spontanität dort einzukehren, wo es am Weg entlang gerade gefällt.

Lass dich also auf die “Serendipity” ein (es gibt kein schöneres Wort als dieses auf Englisch hierfür), für die der Weg berüchtigt ist. Für die High-Performer unter den Digitalen Nomaden, und für solche, die einen Skype-Call ausgemacht haben oder einen besonders produktiven Arbeitsnachmittag einlegen müssen, seien gelegentliche Reservierungen dennoch empfohlen. Mit der Gewissheit die Unterkunft mit WLAN vorab gesichert zu haben, lässt es sich dann doch entspannter losmarschieren.

Der Reiz des Caminos machen aber gerade die sehr günstigen und zugleich sehr einfachen Herbergen aus. Diese werden von der Kirche oder den öffentlichen Einrichtungen betrieben. Du kannst diese Unterkünfte nicht vorab reservieren. Selbst dann nicht, wenn du deine fußstarken Mitpilger schonmal vorschickst, um ein Bett freizuhalten.

Hier gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, bettet sich zuerst. Trotz manchmal beengter Verhältnisse mit bis zu 150 Pilgern in einem Raum (wie der Schnarchsaal im berüchtigten Kloster von Roncesvalles), haben sie gegenüber den privat geführten Hostels einen besonderen Charme. Hier lebt der Geist des Caminos – beim kollektiven Abendessen mit der von den Nonnen gekochten Kartoffelsuppe. Und den langen Nachmittagen bei Wein im Klosterhof zwischen trocknenden Pilgerklamotten.

Übrigens, für eine weitere Übernachtung verlängern kannst du in diesen Herbergen nicht. Selbst dann, wenn es hier noch so schön ist. Du musst am nächsten Morgen aufbrechen und weiterziehen.

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Wie sieht die Pilger-Infrastruktur entlang des Jakobsweg aus?

An Bars, Cafés und Restaurants mangelt es ja in ganz Spanien nicht. Genauso wenig entlang der Hauptrouten des Jakobswegs. Verhungern oder verdursten wirst du somit kaum auf dem Weg.

Für alle sonstigen Geschäfte solltest du aber beachten, dass gerade auf dem Land die Siesta in Spanien strikt eingehalten wird. Kommst du Mittags an, kann es sein, dass du erst ab 17 Uhr im Dorfladen wieder einkaufen kann.

Entlang des Camino Francés gibt es einen Transportservice, der den Rucksack bis zum gewünschten Etappenziel vorschickt und der ca. 5-7 € pro Strecke kostet. Lass dich nicht von nervigen Mitpilgern irritieren, die der Ansicht sind, das wäre gemogelt. Es gibt keinerlei Regeln was ein rechter Pilger sein soll. Genauso wenig wenn du mit öffentlichen Verkehrsmitteln Teilstrecken überwindest. Das Verkehrsnetz ist aber in dieser dünn besiedelten Ecke Spaniens spärlich ausgebaut. so dass du oft ein Taxi nehmen musst.

Wenn du Wanderausrüstung nachkaufen willst: in fast jeder Großstadt auf dem Weg hat die Discountkette für Sportbekleidung “Decathlon” eine Filiale, wo alles erhältlich ist, was der moderne Pilger braucht.

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Für Stullen als Wegzehrung ist gesorgt

Was werde ich auf dem Jakobsweg ausgeben?

Viel günstiger als auf dem Jakobsweg kannst du selbst anderswo auf der Welt nicht durch den Tag kommen. Wenn du in öffentlichen Herbergen übernachtest, zahlst du meist 5 oder 6 € für die Übernachtung. Viele kirchliche Einrichtungen, in denen du auch noch mit einfacher Kost verpflegt wirst, sind kostenfrei. Sie unterhalten sich durch Spenden. Also gib dich großzügig, das gibt Karmapunkte. In privaten Herbergen, zahlst du 10-15 € für ein Bett im Schlafsaal und 20-40 € für ein Einzelzimmer.

Mittag- und Abendessen in der Herberge kann sehr günstig ausfallen: Aus einem Supermarkteinkauf werden in der Gemeinschaftsküche kulinarische Spezialitäten aus aller Welt gezaubert und geteilt. 

Das am Wegesrand allseits angebotene Pilgermenü ist zumeist ein rustikales, regionaltypisches Gericht der spanischen Küche. Vor-, Hauptspeise und Dessert, kosten zumeist 8-10 €. Die Flasche Hauswein gibt’s dazu inklusive. Kleinere Tapas, Kartoffel-Omeletts und belegte Sandwiches, die in Spanien Bocadillos heißen, liegen bei 2-4 € Euro. 

Mit einem Tagesbudget von 25 € kommst du sehr gut aus, sofern du in Schlafsälen übernachtest und öfters selber kochst. Mit 50 € täglich lässt es sich sehr feudal pilgern.   

Wie komme ich ins Internet?

Auf dieser Wanderarbeitsexpedition war in allen Herbergen Internet vorhanden und hat ausgezeichnet funktioniert. Obwohl ansonsten keine weiteren Digitalen Nomaden gesichtet wurden, ist heute fast jeder Pilger per Smartphone im WLAN eingeloggt. Dennoch war die Downloadgeschwindigkeit immer gut und die Verbindung zuverlässig. Sogar in den meisten Cafés am Wegesrand ist flottes WLAN mittlerweile Standard. Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, holst du dir zusätzlich eine spanische Prepaid SIM-Karte von Vodafone, Orange oder Yoigo – für 10-15 € sollte es genug Gigabyte geben, um dein nachmittägliches Arbeitspensum abzuarbeiten.

Terrasse und Wifi – was willst du mehr?

Wie sieht der Arbeitsplatz aus?

Selbst die Arbeitsplätze waren bei dieser Pilotreise stets hervorragend. Während die Mitpilger am Nachmittag eine ausgiebige Siesta machten oder den Ort besichtigten, waren die Gemeinschaftsräume ziemlich leer. Die besuchten Unterkünfte hatten allesamt ein großes Coworking-Büro mit vielen Tischen, Steckdosen, WLAN und reichlich Tageslicht inklusive – ganz exklusiv für den fernarbeitenden Pilger. Jede Herberge ist anders und nicht alle werden stets beste Arbeitsbedingungen haben.

Wenn es wichtig sein sollte, am Etappenziel produktiv zu sein – schau dir die Räumlichkeiten vorher an und entscheide dann, ob du bleiben willst. Aber auch von den Cafébars, die es selbst im kleinsten Dorf gibt, solltest du in Verbindung mit der SIM-Karte immer eine Gelegenheit finden, dein Pensum abzuarbeiten. Platzimg_2095 gab es dort im Selbsttest zumindest immer genug. Kein Gastrobetrieb hatte irgendetwas gegen die Zweckentfremdung der Räumlichkeiten als Arbeitsplatz.

Kannst du auf dem Jakobsweg überhaupt produktiv arbeiten?

Aus Erfahrung des Autors überraschenderweise eindeutig ja. Selbst wenn der Camino einen körperlich fordert, der Geist war bei meinem Selbstversuch weitaus klarer als in anderen Arbeitsumfeldern. Vielleicht lag es daran, dass ich mir täglich nur maximal vier Stunden Zeit für mein Arbeitspensum genommen hatte. Ich ging stets mit der Gewissheit in den Feierabend, den Job in doppelter Zeit und mit besserem Output erledigt zu haben.

Da man in der Regel um die Mittagszeit sein Etappenziel erreicht hat, ist ausreichend Zeit vorhanden um eine arbeitsame Nachmittagsschicht einzuplanen. Gegen frühen Abend kannst du dich im Anschluss der reinen Entspannung oder dem sozialen Miteinander widmen.

Die klare Luft, der geforderte Körper, der ausgeglichene Tagesablauf und der inspirierende Marsch in der Natur – ganz gleich ob alleine oder in Begleitung: All dies sind  Faktoren die dazu beitragen, dass der Jakobsweg dafür prädestiniert ist, dass du nach dem Pilgern bestimmte Aufgaben fokussiert angehen kannst.

Sicherlich weniger für Tätigkeiten, für die du stets ansprechbar für die Kunden sein müsstest oder für die eine schnelle, superstabile Internetverbindung vonnöten ist. Aber umso mehr, um konzeptionelle Arbeiten zu erledigen, strategische Planungen und langfristige Konzepte zu entwerfen oder den Dingen nachzugehen, bei denen du deine Kreativität voll ausleben kannst.

Die große Frage ist jedoch – sollst du Arbeit auf eine Pilgerreise mitnehmen, oder dich doch besser voll und ganz mit allen Sinnen auf den Camino einlassen? Da sich heutzutage nur die wenigsten, die im Berufsleben stehen, einen kompletten Monat für eine solch intensive und anstrengende Erfahrung freinehmen wollen – nimm den Rechner einfach mit und lauft los. Oder ohne Arbeit, und dann für eine kürzere Strecke, wenn 30 Tage Digital Detox doch zu viel sein sollten.

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Eine typische 6 €-Unterkunft mit angeschlossenem Coworking-Space

Was ist die beste Reisezeit?

Am besten Pilgern lässt es sich im Mai. Juni. September und Oktober. Entlang des Camino Francés, der durch die weiten Hochebenen der Meseta führt, ist das Klima deutlich rauer, als wie du Spanien vom Mittelmeerurlaub her kennst. Hier ist es im Winter so kalt wie in Mitteleuropa, dafür im Sommer tagsüber sehr heiß. Der Vorteil ist, dass es zugleich meist trocken und sonnig ist. Je weiter du nach Galicien hineinkommt, desto nasser und grüner wird es. Dort kann es zu allen Jahreszeiten auch mal tagelang durchregnen. Genauso feucht, dafür aber von den Temperaturen ganzjährig ausgeglichen mild geht es an direkt der Atlantikküste, am Camino del Norte zu.

Im Hochsommer und in der Osterzeit herrscht mehr Andrang uns es sind viele junge Spanier unterwegs. Zu diesen Zeiten kann es sein, dass sich die Herbergen schnell füllen. Dann solltest du dir einen Plan B bereithalten, falls die Wunschherberge bereits ausgebucht sein sollte. Zur Not mit der Isomatte draußen übernachten. Aber sogar in den pilgerstarken Jahreszeiten kannst du durchaus noch immer überraschend viel Ruhe, Muße und Einsamkeit finden.

Was sind die größten Probleme und Gefahren, die auftreten können?

Der Weg ist technisch sehr einfach zu bewältigen. In der Regel nicht zu schmal, nicht zu steil, mit solider Bodenbeschaffenheit und gut ausgeschildert. Was aber zehrt, ist dass du täglich von neuem losmarschierst. So wird der Körper nach ein paar Tagen mit Sicherheit hier und dort drücken. Der auftretende Muskelkater in den Beinen ist da noch das geringste Problem.

Die Hauptgefahr besteht darin, dass du dir die Kräfte auf den Etappen falsch einteilt, deine Muskeln, Gelenke oder Fußsohlen überforderst, dich vor lauter Blasen an den Füßen quälst und dann letztendlich den Pilgerweg abbrechen musst.

Viele überschätzen sich vor allem in den ersten Tagen und zehren den Rest des Weges daran. Wandere dich am besten daheim schon einmal langsam warm – idealerweise mit dem Rucksack aufgeschnallt, um den Körper an die Belastung zu gewöhnen.

Gute Wanderschuhe und ein bequemer Rucksack, der nicht zu schwer gepackt sind, sind das A und O. Sie beugen den Verschleißerscheinungen vor. Gegen Blasen an den Füßen helfen Hirschtalgsalbe und Anti-Blasensocken. Mit Gelenkschonern und Wanderstöcke bzw. einem Pilgerstab kannst du deinen Körper entlasten. Viele Pilger beugen Entzündungen mit einer prophylaktischen Ibuprofen-Tablette vor.

Du solltest viel trinken und gut gefrühstückt losmarschieren, um deinen Kreislauf in Schwung zu halten. Keine gute Idee ist es, wenn die gesamten Habseligkeiten durch das Wandern im Regen triefnass werden und nicht mehr trocknen wollen. In durchweichten Schuhen zu marschieren kann dich zur völligen Verzweiflung treiben. Nimm also ausreichenden Regenschutz und wasserabweisende bzw. schnelltrocknende Klamotten und Schuhe mit.

Vor allem in der baumlosen Hochebene Zentralspaniens solltest du dich bei Gewittern vor Blitzen in Acht nehmen. Selbst in den besten Herbergen und Hotels können Bettwanzen und Flöhe ein lästiges Problem sein. Kleinere Wehwehchen werden in vielen öffentlichen Herbergen kostenfrei behandelt – skurril anzusehen, wenn die Nonne dem Pilger ganz barmherzig die Blasen an den Füßen ausdrückt.

Was sollte ich mitnehmen?

Die bessere Frage wäre, was du besser nicht mitnehmen solltest. Oberstes Gebot ist es möglichst minimalistisch zu pilgern.

Nimm nicht mehr als 10 kg auf dem Rücken mit, inklusive Notebook, Wasser und Snacks! Rücken und Gelenke werden es dir danken – bei mehr Gewicht artet das Pilgern in Plackerei aus .

Guter Tipp: Packe den Rucksack so leicht wie möglich, pack alles wieder raus und lass die Hälfte zu Hause. Der Laptop muss aber mit!

Hier eine empfohlenen Packliste für den minimalistischen Pilger:

  • ergonomischer 40 Liter Rucksack
  • eingelaufene (!) Wanderschuhe – müssen keine Bergstiefel sein, aber guten Halt bieten
  • Sandalen oder leichte Schuhe für die wanderfreie Tageshälfte
  • Flipflops
  • 2 schnelltrocknende Funktionstshirts
  • 2 schnelltrocknende Funktionsunterhosen
  • 2 Paar Socken (vorzugsweise Anti-Blasen Socken)
  • 1 lange Hose
  • 1 kurze Hose
  • 1 Tube Hirschtalgsalbe gegen Blasen
  • 1 kleiner Beutel Waschmittel
  • 1 Mini-Hygienebeutel mit Mini-Zahnpasta, Mini-Shampoo, Deo und Zahnbürste
  • 1 kleine Tube Sonnencreme (50ml Fläschen) etc.
  • 1 Mikrofaserhandtuch
  • 1 Fleecepullover oder 1 dünne Regenjacke
  • von September bis Juni 1 wärmere Jacke
  • Sonnenbrille
  • Kopfbedeckung
  • Rucksackschutz gegen Regen
  • Wet-bag um Kleidung trocken zu halten
  • 1 Trinkbeutel
  • 1 sehr leichter Schlafsack
  • Smartphone
  • Notebook
  • persönliche Dokumente
  • Pilgerausweis
  • Jakobsmuschel

P.S. Wenn du gerne mal zusammen mit anderen Digitalen Nomaden das erste Teilstück des Jakobsweg pilgern möchtet: CODINO – die Digitale Nomaden Community aus Barcelona wird im April 2017 eine einwöchige Pilgertour anbieten, in dem jeder der max. 12 Teilnehmer vormittags im eigenen Tempo wandert und sich als Gruppe zum nachmittäglichen Masterminden und geselligen Miteinander wiederfindet. Mehr Informationen zu der Tour werden demnächst auf hier und www.codino.co veröffentlicht. Wenn dich die Tour interessiert, schreib mir gerne eine Mail an info@codino.co

Buen Camino! Theo


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1 Kommentar

  1. Hi Theo, danke für den ausführlichen Artikel. Ich werde im kommenden Frühjahr den Camino Francés als Digitaler Nomade testen. 2014 war ich ohne Notebook schon mal da. Ich berichte dann, wie es mir ergangen ist. VG Frank

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