Eine Kindheit im Amazonas: Interview mit Catharina Rust

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Rust_© Studio Jim Rakete2Catherina Rust hat ihre Kindheit im brasilianischen Urwald verbracht. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr wuchs sie bei den Aparai-Wajana-Indianern auf und lernte als erste Sprache Aparai. Heute lebt sie mit ihrer Familien in Berlin und arbeitet als Journalistin.

Was hast Du nach deiner Rückkehr nach Deutschland empfunden?

Zunächst spannend nach einer so weiten Reise, in ein neues- mir fremd vorkommendes Land- zu kommen. Das ist natürlich aufregend, besonders für ein Kind. Erst als mir klar wurde, dass ich wohl in Deutschland bleiben würde und vielleicht nie mehr in den Urwald zurück kehren durfte, fiel ich in eine Art Trauer. Es hat gedauert, bis ich mich damit abgefunden habe.

Danach habe ich Deutschland kritischer betrachtet. Das Land kam mir ein wenig kühl vor, die Menschen schienen mir ernster und verschlossener. Vieles kam mir berechnend vor. Mir fiel auf, dass jeder so viel wie möglich für sich selbst haben wollte und nicht gerne teilte. Das hatte ich im Urwald anders erlebt. Mir fehlte die gewohnte Gemeinschaft und mein vertrautes Umfeld.

Was vermisst du heute noch?

Dieses Kindheitsgefühl vollkommener Unbekümmertheit. Eine Gemeinschaft, die so eng zusammen lebt, arbeitet und dennoch Zeit hat ihre Kultur zu leben. Die fast ohne Hierarchien und im Grunde genommen mit wenig Besitz auskommt. Diesen speziellen Humor, also die Fähigkeit, über fast alles lachen zu können, auch wenn das eigentliche Leben mitunter recht beschwerlich ist. Ich vermisse auch das Leben im Einklang mit der Natur. So etwas gibt es heute ja gar nicht mehr. Und dann noch: diese grandios schönen Sonnenaufgänge.

Gibt es bestimmte Auslöser, durch die du dich an die Zeit im Regenwald erinnerst?

Neulich war ich mit Freunden am See und wir saßen in der Abendsonne auf einem alten Holzsteg. Auf einmal stieg mir dieser Duft in die Nase: aufgewärmtes, brackiges Seewasser, vermodertes Holz, dazu das warme Licht des Spätsommers. Ein totales Deja-Vue-Gefühl. Plötzlich saß ich an meinem Kindheitsfluss. Bei einer Bekannten aus Afrika gab es mal Süßkartoffelauflauf. Der hat ganz ähnlich geschmeckt, wie die „Nappis“ damals, sehr ähnlich gewürzt. Eine geschmackliche Erinnerung.

Als ich vor rund einem Jahr meine alten Hängematten ausgepackt habe, kam mir auf einmal die ganze Geschichte in den Kopf, wie ich sie bekommen hatte und welche Empörung eine „Industriehängematte“ aus der Stadt bei Großmutter Antonia ausgelöst hatte. Die hat sie dann so lange umgeknüpft und Fäden heraus getrennt, bis sie indianischer aussah. Solche starken Erinnerungen kommen aber nur hoch, wenn es einen konkreten Auslöser gibt.

Was war Deine Lieblingsbeschäftigung als Kind?

Ich glaube ich habe mich am liebsten in Antonias Nähe aufgehalten und war dann froh, wenn sie mich Baumwolle spindeln ließ und mir dabei Geschichten erzählte. Dann natürlich das Baden im Fluss. Welches Kind badet nicht gerne? Und dann noch in dieser schönen Natur, umgeben von vielen anderen, die sich am Wasser aufhalten. Dann natürlich das gemeinsame Mahl mit meiner indianischen Großfamilie. Nie wieder hat das Essen so viel Freude gemacht.

Was erzählst Du deiner Tochter über deine Kindheit?

Als meine Tochter jeweils so alt war wie ich damals im Urwald, kam vieles zurück und da habe ich ihr natürlich einiges erzählt. Am meisten ging der Impuls von ihr aus. Sie löcherte mich mit Fragen und ich konnte dann relativ spontan antworten. Auch über Dinge, die mir nicht wichtig erschienen waren.

Inzwischen ist meine Tochter aber in einem Alter, wo sie im Urwald nicht mehr Kind wäre. Sie müsste bei den Haushaltspflichten helfen, vieles erlernen und könnte nicht mehr mit den anderen Kindern spielen. Vermutlich würden spätestens jetzt die Verhandlungen gemacht, welchem Ehemann sie zur Frau gegeben würde. Indigene Mädchen heiraten oftmals sehr früh. Nicht selten bekommen sie mit 13-14 Jahren ihr erstes Kind. Dieses frühe Erwachsen werden müssen, würde ich meiner Tochter wohl eher nicht wünschen.

Würdest du deiner Tochter eine ähnliche Erfahrung wünschen?

Ich war schon ein wenig traurig, darüber dass meine Tochter nicht in einem vergleichbar freien und natürlichen Umfeld aufwachsen konnte wie ich damals.

Oder so wie einige Freunde von mir, die auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, das ist ja durchaus vergleichbar. Und ich habe mich so manches mal gefragt, ob es so etwas wie die ideale Kindheit überhaupt geben kann. Meine war schon nah dran, aber natürlich war auch im Urwald nicht alles nur ideal für ein Kind. Ich war einige Male sehr krank und ich hätte meine Tochter nicht den gleichen Risiken ausgesetzt, wie meine Eltern mich als Kind.

Aber klar, ich finde es schon schön, wenn Kindern nicht ständig ihren Helikopter-Eltern ausgesetzt sind und nicht diesen Druck aushalten müssen, den viele Kinder hierzulande von früh an ertragen müssen.

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Was war das ungewöhnlichste, das du im Dschungel gegessen hast?

Ich habe so ziemlich alles gegessen, was die Menschen um mich herum auch gegessen haben. Und ich hatte keinerlei Berührungsängste. Es gab kaum etwas, was ich nicht probiert hätte. Für mich war es also nicht ungewöhnlich, Affen, Tapiere, Tukanos, Eidechsen, Schildkröteneier, Krokodile, geröstete Ameisen, Kokos-Engerlinge, Kaulquappen oder Gürteltier zu essen. Nur Schlangen mochte ich nicht. Für hiesige Verhältnisse klingt das ungewöhnlich, aber es kam mir als Kind normal vor.

Erst als ich hier mal jemandem erzählte, dass ich als Kind besonders gerne Affenfleisch gegessen habe, erntete ich einen ziemlich entsetzten Blick. Möglicherweise findet man das hierzulande ekelhaft, weil es nicht zu unserem Umfeld passt. Aber Menschen finden es barbarisch, Affen zu essen, während es selbstverständlich erscheint, dass Affen (wie andere Tiere) in Tierversuchen für die Pharma- oder Kosmetikindustrie grausam gequält werden.

Und was ist ekelhaft daran, wenn Menschen in ihrem natürlichen Umfeld jene Tiere essen, die sie in freier Wildbahn jagen? Sie essen nichts in großen Mengen. Und es gibt schließlich auch nicht jeden Tag Fleisch. Heutzutage esse ich dafür kaum noch Fleisch. Indigene fänden es hingegen ungewöhnlich vegetarisch zu leben.

Ich finde es viel bedenklicher, dass wir hier in einer Gesellschaft leben, die sich an die Tatsache gewöhnt hat, eine Massentierhaltung unter schlimmsten Bedingungen zu betreiben. Dass Nahrung vor allem billig und immer verfübar sein muss. Ganz gleich, welche Konsequenzen das mit sich bringt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen darauf achten, unter welchen Bedingungen Nahrung produziert wird.

Was ist das, was du am Leben außerhalb des Dschungels am meisten schätzt?

Fließendes Wasser aus dem Wasserhahn. Nichts ist anstrengender, als jeden Tag Kessel voller Fluss Wasser den Hang hoch zu schleppen. Besonders in der Trockenzeit. Die Tatsache der Medizinischen Betreuung, die einem zu jeder Tageszeit und in jeder Lebenslage ganz automatisch zur Verfügung steht. Immer Nahrung zu haben, nicht darum bangen zu müssen, ob auch morgen noch genug zum Essen da ist. Ich denke mal, dass wir das alles viel mehr schätzen sollten, weil es vielen Menschen auf der Welt nicht automatisch zuteil wird.

Hast du Gewohnheiten oder Gebräuche mit in deine heutigen Alltag genommen?

Ich esse besonders gerne scharf und ich sitze gerne am Feuer. Selbst wenn keine Feuerschale oder kein Kamin in der Nähe ist, zünde ich an jedem Abend viele Kerzen an. Vielleicht ist es ja nur ein Tick, vielleicht aber auch verbunden mit der Gewohnheit aus frühster Kindheit, jeden Abend am großen Lagerfeuer zu sitzen. Generell machen wir viel Kunsthandwerk zu Hause, auch so eine Sache: Dinge, die man schön findet, für sich oder für andere selber zu fertigen, so bald man Muße dazu hat. Ausserdem versuche ich so nachhaltig wie möglich zu leben, sofern es innerhalb meines Umfelds realisierbar ist.

Was können wir von den Aparai lernen?

Von der damaligen Lebensweise her betrachtet: das Leben im Einklang mit der Natur. Eine nachhaltige Lebensweise, beinahe ohne Abfälle, weil alles was verwendet wird, auch wieder in den Naturkreislauf einfliessen zu lassen. Ein Dorf niemals so groß werden zu lassen, dass es sich nicht mehr durch seine natürliche Umgebung ernähren kann.

Nach rund 6 Jahren weiter zu ziehen, damit sich die Natur dort, wo das Dorf einstmals seinen Sitz hatte, wieder erholen kann. Das alles hat sich natürlich verändert. Die Gemeinschaften werden notgedrungen immer sesshafter, immer größer, das natürlich Umfeld schwindet und damit verringern sich auch die Rückzugsmöglichkeiten. Von den alten Aparai konnte man durch die Geschichten über die Vergangenheit sehr viel lernen. Heute werden diese Geschichten nicht mehr erzählt. Jetzt müssen sich die Menschen neuen Herausforderungen stellen. Vielleicht könnten wir lernen, mit weniger Rohstoffen auszukommen? Das würde auch den Aparai , wie den anderen Völkern der Regenwälder enorm helfen.

Was ist deiner Ansicht nach wichtig, um sich auf fremde Kulturen einlassen zu können?

Nicht alles zu vergleichen und bewerten, sondern sich auch mal in Ruhe auf andere Sitten und Gebräuche einzulassen. Zu lernen und die Fähigkeit zu staunen und nicht den Gelehrten oder den Allwissenden zu miemen. Oder den Überlegenen. Freude, Neugier und Offenheit sind meines Erachtens wichtig. Die Fähigkeit, sich auf eine Lebensweise gänzlich einzulassen, ohne die Hintergedanken im Kopf: gleich twittere oder blogge ich darüber, bald schreibe ich einen wissenschaftlichen Aufsatz mit dem ich mich profilieren kann oder eine Reisereportage darüber.

Wer die ganze Zeit hinter der Kamera hängt, oder sich Notizen macht, hat den eigentlichen – den unmittelbaren- Augenblick total verpasst. Das ungefilterte Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen. Auch ist es meiner Meinung nach wichtig, nicht immer nur für ein paar Wochen oder ein paar Monate an einem Ort zu sein. Manches benötigt unendlich viel Zeit und vor allem Geduld.

Reist du heute noch oft?

Ich reise für mein Leben gerne. Aber eben nicht im Sinne von typischen Urlaubsreisen mit Hotels und Ausflügen. Das ist auch mal schön, aber noch wertvoller sind für mich Reisen, auf denen man einen tieferen Einblick in eine andere Welt bekommt.

Bist du noch mal zu dem Aparai Stamm zurückgekehrt, bei dem du aufgewachsen bist?

Ja, mit Anfang zwanzig. Und ich hatte das einmalige Glück, auch noch meine indianischen Wahl-Großeltern sehen zu dürfen und bei ihnen wohnen zu können. Das war unglaublich bewegend. Ich habe so vieles wieder gesehen, so vieles gehört und erlebt und erzählt bekommen aus meiner Kindheit. Aber vieles von dem, was sich verändert hatte, hat mich auch sehr nachdenklich gestimmt.

Was würdest du sagen, ist das wichtigste dass du im Dschungel gelernt hast?

Demut vor dem Leben vielleicht? Mir wurde immer eingebläut, dass jederzeit etwas passieren kann.

Dass nichts um uns herum selbstverständlich ist.

Zur Not auch mal mit weniger auszukommen, ohne dabei unglücklich zu sein. Wie fragil unser Leben ist und wie sehr wir von der Natur abhängig sind. Dass hat die westliche Welt vollkommen vergessen und es wird hoffentlich eine Zeit kommen, wo wir uns darauf zurück besinnen.

Was würdest du Reisenden empfehlen, die den brasilianischen Regenwald besuchen wollen?

Sich zuvor ausreichend medizinisch beraten zu lassen, incl. Impfschutz, der die Einheimischen aber nicht gefährdet. Nicht in Gebiete zu gehen, wo Völker leben, die ansonsten wenig oder gar kein Kontakt zur Außenwelt haben. Ich kann die Faszination verstehen, aber sie gefährdet das Leben der Menschen vor Ort. Ausreichend Sonnen- und Mückenschutz. Nichts an Ausrüstung oder Proviant mit zu nehmen, was anschließend als Müll in der Natur zurück bleibt.

Generell habe ich ein Problem mit so genannten Menschensafaris. Auf der einen Seite ist es schön, wenn sich Menschen für den Regenwald begeistern und eine sanfte Form von Öko-Tourismus trägt möglicherweise auch dazu bei, den Regenwald zu erhalten, auf der anderen Seite muss man sich fragen, ob wir es selber so schön finden würden, wenn Horden von fremden Touristen plötzlich durch unsere Vorgärten ziehen oder uns 50 Leute beim Capucchino trinken fotografieren wollen.

Danke an Catharina für das Interview. Den Hinweis auf die Ausrüstung und den Mückenschutz hätte ich vor meinem Tripp in den Amazonas brauchen können. Für’s nächste Mal weiss ich jetzt mehr!


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2 Kommentare

  1. AberJa

    Die Schriftstellerin kam, als sie etwas über zwei war, mit ihren Eltern bei den Aparai-Wajana Indianern an und blieb drei Jahre, mit genügend Unterbrechungen in der Stadt, wo es natürlich Spiegel gab – woher also alle diese Erinnerungen? Hatten ihre eigenen Eltern sie einfach an eingeborene Familien abgegeben? Wer hat sie denn ab fünfeinhalb bis zu ihrer Volljährigkeit grossgezogen? – Zurück in der Zivilisation fiel ihr auf, dass „jeder so viel wie möglich für sich selbst haben wollte“. Das ist schwer zu verdauen, nicht nur für alle die sie beurteilt, sondern vor allem dass diese Beobachtung von ihr kommt. – Dieses Buch, basierend auf ihren frühen Jahren bei den Eingeborenen, muss als Platform für ihre im Ethnologie Studium entwickelten Anschauungen gesehen werden. Davon ist einiges dort eingebracht worden, was in der Wirklichkeit nicht stimmt.

  2. Richtig schöner Artikel – merci! Ich bin selber auch in Südamerika aufgewachsen, aber nicht bei den Indianern im Urwald und auch nicht in Brasilia. Die Indianer waren dennoch in meinen Träumen präsent.

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